Die Bahn

Eigentlich ist die Bahn ja etwas Tolles. Also, jetzt nicht im Sinn von “närrisch”, nein wirklich: sie ermöglicht einem umweltschonend von A nach B zu kommen. Und in den meisten Städten sogar noch direkt ins Zentrum, ohne einen Parkplatz suchen zu müssen. Neulich bin ich wieder mal Bahn gefahren. Weil ich musste. Und das Beste: ich kam pünktlich an meinem Ziel an.

Und das ist ein großes Wunder. Seit ich im Rheinland wohne, versuche ich ständig, den ÖPNV hier zu nutzen. Aber der ÖPNV macht es mir nicht leicht. Eine Zeitlang beispielsweise wollte ich aus Köln zur Arbeit in einen Ort, der ein Paar Kilometer weiter östlich liegt. Das war eine Katastrophe. Ich bin fast jeden Morgen zu spät gewesen, und das, obwohl ich immer früher losgefahren bin. Anfangs hatten die Züge nämlich nur Verspätung, später fielen sie gleich ganz aus.

Die neue “Börsen-Bahn” hat viele Fehler. Und vielen fällt das auf. Die meisten beschweren sich dann. Aber warum nicht mal den Witz darin sehen? Ich meine, gibt es ein größeres System mit einem so hohen Entropiefaktor, dass es schon wieder funktioniert? Nehmen wir meine letzte Bahnfahrt:

Alles fing damit an, dass ich am Bahnhof stand und nach Norden wollte. Mein endgültiges Ziel musste ich über zwei Großstädte erreichen und mindestens zweimal umsteigen. Die Zeit drängte, denn obwohl ich immer eine gute halbe Stunde für Verspätungen einplane, war an diesem Morgen diese Marge schon angegriffen, bevor ich überhaupt im ersten Zug saß. Die Bahn und ich — wir hatten also eine Chance, etwas unmögliches zu schaffen: mit Verspätung pünktlich ankommen.

Das aber schien schwierig: der angeschlagene Zug sollte 15 min Verspätung haben. Es gibt da so ein Motto: manchmal muss man einen Schritt zurück gehen, wenn man vorwärts kommen will. Ich könnte über einen Bahnhof im Süden mit dem ICE wieder nach Norden fahren. Der ICE wäre sicherlich schneller. Also kam ich ins Grübeln. Währenddessen fuhr aber ein Zug ein. In die richtige Richtung. Mit satten 40 min Verspätung. Und ich war noch keinen Meter weit gefahren.

Mit der Aura eines Glücksritters bestieg ich den Zug. Er brachte mich in die erste Großstadt. Dort angekommen, habe ich gar nicht erst auf den Fahrplan geachtet, ich bin einfach in den nächstbesten Zug in die richtige Richtung gestiegen. Und hatte wieder Glück: er kam und fuhr und brachte mich ans Ziel. Und das, obwohl auf dem ganzen Bahnhof so gut wie alle Züge Verspätung hatten. Reiner Zufall, eine andere Erklärung gibt es gar nicht. Und da fiel mir der bisher beste Werbespruch wieder ein, den die Bahn leider nie benutzt hat (er ist von Volker Pispers):

“Deutsche Bahn: Kommen Sie, wann Sie wollen. Wir fahren, wann wir wollen.”

Man muss dabei wohl von Glück sagen, dass Schienen plötzliche Richtungsänderungen nicht zulassen. Sonst müsste man wohl auch noch darum bangen, am richtigen Ort anzukommen. Und dann sollte es besser heißen: “Kommen Sie wann Sie wollen, wir bringen Sie, wohin wir wollen.” Aber im Ernst: wenn man mal Zeit hat und vielleicht ein bisschen Abenteurlust verspürt, dann sollte man auf jeden Fall Bahn fahren. Die Züge fahren ja sowieso. Zumindest noch. Also, wenn sie kommen . . .

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